
Holger Clausen gehört zu jenen Komponisten, die sich konsequent geweigert haben, Musik in stilistische Schubladen einzuordnen. Sein Wirken ist geprägt von einer tiefen musikalischen Neugier, einer großen handwerklichen Souveränität und dem festen Glauben daran, dass Musik vor allem eines leisten muss: sprechen – zum Menschen, zur Gegenwart und zu den großen Fragen des Lebens.
Als Jazzpianist, Komponist, Arrangeur und Produzent bewegte sich Clausen selbstverständlich zwischen sehr unterschiedlichen musikalischen Welten. Er arbeitete für Bühne, Film, Rundfunk und Fernsehen, war ebenso im Jazz verwurzelt wie in der klassischen Tradition und lehrte über viele Jahre an Hochschulen. Doch jenseits aller biografischen Stationen zieht sich ein roter Faden durch sein Werk: die Suche nach Sinnzusammenhängen über Stilgrenzen hinweg.
Clausen verstand Musik nicht als Abfolge historischer Epochen, sondern als lebendigen Dialog. Gregorianischer Choral konnte bei ihm neben Jazzharmonien stehen, barocke Formen neben zeitgenössischen Rhythmen, lateinische Bibeltexte neben der Klangsprache des 21. Jahrhunderts. Diese Offenheit ist kein ästhetischer Selbstzweck, sondern Ausdruck einer zutiefst humanistischen Haltung: Musik soll verbinden, nicht trennen.
„Et erit iste pax“ – ein Weihnachtsoratorium unserer Zeit
Mit dem Jazz-Weihnachtsoratorium "Et erit iste pax" schuf Holger Clausen ein Werk, das diese Haltung in besonderer Klarheit verkörpert. Der Titel – „Und dieser wird der Friede sein“ – verweist auf eine alttestamentliche Friedensverheißung und setzt zugleich den inhaltlichen Rahmen des gesamten Oratoriums: Weihnachten nicht als sentimentale Idylle, sondern als kraftvolle Vision von Frieden, Hoffnung und Erneuerung.
Die Textgrundlage bilden die lateinischen Worte der Vulgata, insbesondere aus dem Lukasevangelium und dem Propheten Micha. Clausen greift damit bewusst auf eine jahrhundertealte Sprache der Liturgie zurück – und stellt sie in einen neuen klanglichen Kontext. Die vertrauten Texte werden nicht museal behandelt, sondern in eine Musik eingebettet, die aus der Gegenwart spricht.
Formal orientiert sich "Et erit iste pax" an den klassischen Bauprinzipien des Oratoriums: Rezitative, Arien, Chorsätze und instrumentale Zwischenspiele strukturieren das Werk. Inhaltlich und klanglich jedoch öffnet Clausen diese Form weit. Rezitative können den Charakter einer Jazzballade annehmen, Solopartien erinnern an das Erzählen im Musical, große Chorszenen entfalten eine rhythmische Energie, die Anklänge an Swing, lateinamerikanische Musik oder Gospel trägt.
Ein besonderes Merkmal des Oratoriums ist die bewusste Verbindung unterschiedlicher Generationen und Klangkörper. Neben einem großen gemischten Chor sind Kinderstimmen integraler Bestandteil des Werks. Sie verleihen der Weihnachtsgeschichte eine zusätzliche Unmittelbarkeit und unterstreichen die Perspektive von Neubeginn und Zukunft. Begleitet werden die vokalen Stimmen von einem Jazzensemble, das nicht bloß begleitet, sondern als gleichwertiger erzählerischer Akteur fungiert.
Auch die Einbindung des Chorals „Ich steh an deiner Krippen hier“ in der Vertonung von Johann Sebastian Bach ist programmatisch zu verstehen. Clausen zitiert die Tradition nicht ironisch oder distanziert, sondern als lebendigen Bestandteil einer fortgeschriebenen Musikgeschichte. Vergangenheit und Gegenwart begegnen sich auf Augenhöhe.
Musik als Friedensarbeit
"Et erit iste pax" ist mehr als ein Weihnachtsoratorium im erweiterten Stilbegriff. Es ist ein musikalisches Statement. Clausen formuliert darin eine klare Botschaft: Die großen Themen der Menschheit – Frieden, Würde, Hoffnung – sind nicht an eine Epoche gebunden. Sie müssen immer wieder neu erzählt werden, in einer Sprache, die gehört und verstanden wird.